Licht und Schatten bei polnischen Schmalspurbahnen 2017

von Torsten Schneider

Auch wenn die Schmalspurherrlichkeit in Polen spätestens seit Stilllegung und Verkauf der letzten PKP-Strecken 2001 bis 2003 unwiederbringlich vorüber ist, so gibt es immer noch Einiges zu sehen, sei es Museen, Lokdenkmäler, saisonalen Ausflugsverkehr (den man halt so nehmen muss, wie er ist) oder Wagen auf weitgehend von der Vegetation eroberten Bahnanlagen. Allerdings wird mangels Interesse von Eisenbahnfreunden die Informationsbeschaffung nicht einfacher. So werden auch die miteinander verwandten, sehr informativen Schmalspurseiten <koleje.wask.pl> (z.B. mit Streckenbeschreibungen und alten Fahrplänen) und <tabor.wask.pl> (mit Fahrzeuglisten nicht nur für Dampfloks) seit vielen Jahren nicht mehr aktualisiert.

Eine Reise nach Olsztyn (vormals Allenstein in Ostpreußen) führte mich im Juni 2017 mit dem Auto diagonal durch fast ganz Polen, von Südwesten nach Nordosten und wieder zurück. Dabei passierte ich, ohne große Umwege nehmen zu müssen, einige Schmalspurbahnen und -fahrzeuge. Falls nicht anders notiert, sind alle Fahrzeuge in Spurweite 750 mm und alle Bilder von 2017.

Hinfahrt

1) Beim Durchschauen einer Liste mit Standorten erhaltener Schmalspur-Dampflokomotiven (http://tomi.holdys.pl/index2.php?wykaz=wask) stieß ich auf einen Ort namens Krośnice, der mir zunächst gar nichts sagte, sich aber nahe meiner Route befand. Schließlich fand ich heraus, dass dort 2013 eine Parkbahn eröffnet worden war, die Krośnicka Kolej Wąskotorowa, auf google satellite gut zu erkennen. Nachträglich erfuhr ich, dass statt der Parkbahn ursprünglich der Wiederaufbau eines Teilstücks einer ehemaligen PKP-Strecke in Milicz geplant gewesen war. Die Pläne waren jedoch zugunsten eines Fahrradweges verworfen worden, siehe unten.

An meinem Besuchstag, einem Samstag, herrschte dort sogar Betrieb, siehe

www.krosnice.pl/asp/pl_start.asp?typ=14&sub=38&subsub=151&menu=151&strona=1

Zuglok war die Px48-1907, die ich eigentlich schon 2010 in Nowy Dwór an der Ostsee hatte fahren sehen wollen, sie aber damals nur kalt im Schuppen angetroffen hatte. Dieses Mal hat es geklappt, und das auf einer Bahn, von der ich zwei Wochen zuvor noch nicht einmal etwas geahnt hatte. Im Außengelände standen zwei weitere Dampflokomotiven, eine mit Thomas-the-Tank Gesicht und eine in 600 mm Spurweite. Im Lokschuppen befinden sich außerdem zwei Dieselloks. Dazu kommen vier offene Personenwagen.

Die Px48-1907 der KKW beim Anheizen vor dem Lokschuppen und mit Zug

 

Die Px48-1907 der KKW beim Anheizen vor dem Lokschuppen und mit Zug

2) Als ich mich, auf der Nationalstraße 15 weiter nach Krotoszyn fahrend, der Kleinstadt Milicz näherte, wurde plötzlich meine Aufmerksamkeit erregt. Das wird doch nicht …, war es aber tatsächlich, ein Schmalspur-Triebwagen, dazu zwei Wagen. Quer dahinter stand eine Diema-Lok mit Lore in 600 oder 700 mm Spurweite. Das Ensemble befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofs Milicz Zamek des teilweise zu Fahrradwegen umfunktionierten Netzes um Zmigród, Trzebnica und Milicz. Der Triebwagen trägt keine Nummer. Eine Recherche im Internet ergab, dass es sich um den MBxd1-168 handelt, der nach seiner Zeit bei der PKP noch im Netz von Krośniewice im Einsatz gewesen war, wo ich ihn 2004 in Betrieb gesehen hatte. Die Recherche ergab auch, dass nur zwei km weiter im ehemaligen Schmalspurteil des PKP-Bahnhofs Milicz die Diesellok Wls150-7223 aufgestellt ist; dumm gelaufen, nächstes Mal!

MBxd1-168

der MBxd1-168 als Denkmal in Milicz

 

3) In Krotoszyn steht am PKP-Bahnhof die Px48-1764 mit zwei Wagen, die ich zuvor noch nicht fotografiert hatte. Auf der längst abgebauten Strecke konnte man bis 1986 nach Pleszew fahren, wo von der SPKL auf einem Dreischienengleis noch ein Reststück vom PKP-Bahnhof zur Stadt betrieben wird. Dort war ich dieses Jahr jedoch nicht. Die Denkmallok Px48-1724 am Stadtbahnhof in Pleszew und den damals zum PKP-Bahnhof verkehrenden Triebwagen hatte ich bereits 2009 fotografiert, und das Wetter war dieses Mal auch nicht besser als damals.

Px48-1764 in Krotoszyn

die Px48-1764 in Krotoszyn

4) Nächstes Ziel war Opatówek, der Übergabebahnhof der Kaliszer Bahn an die PKP. Schnell war klar: Hier waren schon seit geraumer Zeit keine Normalspurgüterwagen mehr auf Rollwagen verladen worden und Züge gefahren. 2004 hatte ich zwar Güterzüge weiter nördlich an der Strecke fotografiert, zwischen Zbiersk und Turek. Aber auch danach hatte ich es nie bis nach Opatówek geschafft. 2014 hatten Metalldiebe der Infrastruktur zugesetzt. Schade. An dem Bahnübergang über die PKP-Strecke westlich der Übergabeanlagen stand noch eine Normalspur-Rangierlokomotive der SPKL.

Seit 2014 scheint es auf der Bahn wieder Ausflugsverkehr zu geben. Ein Fahrplan zumindest für 2016 für den Abschnitt Zbiersk-Petryki findet sich in

http://stawiszyn.pl/strona/wp-content/uploads/2016/07/plakat_KKD_2016.pd

Opatówek, der Übergabebahnhof der Kaliszer Bahn an die PKP

 

Einfahrtsignal, Rollwagenanlage und verwaiste Rollwagen in Opatówek

5) Weiter in Richtung Nordosten stand am nächsten Morgen die von mir zuvor auch noch nicht fotografierte Px49-1799 vor einer Kirche in Kaluszki (nördlich von Łódź) auf dem Programm. Dort steht die Lok seit 1993 ohne Bezug zu Schmalspurstrecken. Kurz vor ihrer Ausmusterung bei der PKP 1986 war sie von Przeworsk nach Sochaczew umgesetzt worden.

Px49-1799 vor einer Kirche in Kaluszki (nördlich von Łódź)

Kirche mit Lokomotive: die Px49-1799 in Kaluszki

 

6) Wichtigstes Schmalspurziel an dem Tag war jedoch die Bahn von Rogów, denn dort herrscht sonntags Fahrbetrieb, siehe <http://kolejrogowska.pl>. Im Einsatz war dieselbe Diesellok wie bei meinem Besuch 2010, die Lyd1-205. Die zahlreichen im Außengelände des Museums-Depots ausgestellten Fahrzeuge machten durchweg einen gepflegteren Eindruck als bei meinem ersten Besuch 2009. 2010 war ich nur an der Strecke. Im frei zugängigen Freigelände sind u.a. drei Dampflokomotiven, darunter zwei Px48 ex PKP und eine Industrielok, diverse Diesellokomotiven und ein Triebwagen der Reihe MBxd1 ausgestellt.

Ausflugszug mit Lyd1-205 bei Rogów

Ausflugszug mit Lyd1-205 bei Rogów

 

zwei WLs150 bzw. Lyd1 in Rogów

Lok 10 ex Zakłady Starachowickie in Rogów

Lok 10 ex Zakłady Starachowickie in Rogów

Weiter ging es zur normalspurigen, elektrischen Warschauer Vorortbahn WKD, deren Museum am westlichen Endpunkt Grodzisk Maz ebenfalls an Sonntagen geöffnet ist. Auf dem Weg zu den historischen Fahrzeugen durchquert man einen großen Teil der Abstellanlagen. Wegen des langen Aufenthalts bei der WKD blieb keine Zeit mehr für das große Schmalspurmuseum in Sochaczew, das ich allerdings schon 2010 besucht hatte.

7) Letztes Schmalspurziel auf der Hinfahrt war das Depot der Bahn von Mława. Hier erwartete mich allerdings eine „böse“ Überraschung. Denn wo bei vorangegangenen Besuchen 2009 und 2010 unter anderem noch zwei Px48-Dampfloks und sechs Lxd2-Dieselloks standen, davon zwei im Schuppen, herrschte dieses Mal bis auf eine Lxd2 im Schuppen gähnende Leere.

Ich habe natürlich versucht, heraus zu finden, was aus den Fahrzeugen geworden ist. Die Denkmal Px48-1758 befindet sich seit 2013 auf dem Bahnhofsplatz von Ostrołęka, siehe

http://tomi.holdys.pl/index2.php?desc=on&par=px48-1758)

Im selben Portal ist die andere Px48, die 1784, immer noch als “wrak” (dafür braucht man keinen online-Übersetzer) in Mława verzeichnet. Wenn das stimmt, muss ich sie wohl im dunklen Schuppen übersehen haben, in dem ich durch das Fenster nur eine Lxd2 ohne Schilder erkennen konnte. 2009 und 2010 stand die 1784 direkt neben dem Schuppen. Oder sie ist in dem anderen Schuppen, in den ich nicht geschaut habe. Die nachfolgenden Bilder illustrieren die Veränderungen in Mława.

die Px48-1758 am Formsignal in Mława 2010

einsames Formsignal in Mława 2017

 

2010 war ich zufällig in Przasnysz, weiter östlich an der Strecke von Mława nach Maków Maz., auf Fahrzeuge gestoßen. Laut Internet hatte es dort damals an ein oder zwei Tagen Fahrbetrieb gegeben. Die alte Quelle habe ich zwar nicht wiedergefunden. In Przasnysz hat sich aber tatsächlich etwas getan, wenn auch wieder nur in Form einer Familienattraktion, also Lokomotive mit offenen Wagen. Laut online-Übersetzer heißt es unter anderem in

https://pl.wikipedia.org/wiki/M%C5%82awska_Kolej_Dojazdowa

„Im Jahr 2014 Lokale Touristische Organisation des Nord Masowien erhielt 0,5 Mio. Zuschuss für die Wiederherstellung auf eine 12 km lange Strecke von Przasnysz Leszno Górki und 22 km für Radverkehr … mit dem Zuschuss zugewiesen wurde beide Spuren zu reparieren, sowie Plattformen für Reparaturen in Przasnysz (es wurde auch Station renoviert), in Leszno und Górki. Wird auch Lokomotive und Wagen repariert werden, von denen eine auf die Bedürfnisse von Familien mit kleinen Kindern und Menschen mit Behinderungen angepasst werden.“

Im Netz findet man mehrere 2015 hochgeladenen Videos, die Fahrbetrieb zeigen, z.B. in

www.youtube.com/watch?v=YZ52cf9ygyc

An Triebfahrzeugen sind darauf aber nur die Lxd2-293 und die Wls-7615 (ex Zuckerfabrik Dobre) zu sehen, die ich beide dort schon 2010 angetroffen hatte. Also scheint keines der Fahrzeuge aus Mława hierher verbracht worden zu sein, wenn das auf der Schiene überhaupt noch möglich gewesen wäre.

Rückfahrt

Die Rückfahrt von Olsztyn erfolgte weiter nördlich als die Hinfahrt zunächst zum Oberländischen Kanal (Kanal Elbląski), erbaut 1844 bis 1860 zwischen Elbląg und Ostróda. Dort fahren seit 2015 wieder Schiffe „über den Berg“, sozusagen auf einer breitspurigen Standseilbahn.

Weiter ging es größtenteils auf der Nationalstraße 22 entlang der Ostbahn nach Gorzów Wlpk.

Oberländischer Kanal (Kanal Elbląski)

Oberländischer Kanal (Kanal Elbląski)

8) Die 600 mm Kalksteinwerkbahn in Stare Kurowo, östlich von Gorzów Wlpk, von der ich in einem Lok Report von 2004 gelesen hatte, war, wie erwartet, nicht mehr in Betrieb. Hier waren auf nur etwa 200 m Streckenlänge ohne Umsetzmöglichkeit an den Enden Steine vom Werk über die Landstraße zu einer Verladestation transportiert worden.

ehemaliger Bahnübergang der Kalksteinwerkbahn

ehemaliger Bahnübergang der Kalksteinwerkbahn

 

9) Blieb als letztes geplantes Schmalspurziel die Px48-1923 in Zbąszynek, nicht zu verwechseln mit der normalspurigen Tp3-36 am Bahnhof. Erstere steht in einem kleinen Park und ist nun auch „im Kasten“. Sie war dorthin 1995 aus Czerwieńsk gekommen.

Für den geplanten Umweg über Śmigiel reichte die Zeit nicht. Die dortige Schmalspurbahn hatte ihren Betrieb 2011 eingestellt. Bei meinem Besuch 2009 waren die einzigen beiden Fahrgäste des Triebwagens der ŚKD nach Stare Bojanowo bereits an einem Fahrwegübergang auf halber Strecke ausgestiegen. Das Depot in Śmigiel ist auf google maps als Museum bezeichnet und im Bahnhof steht immer noch die Px48-1765, mittlerweile mit schwarzem statt 2009 grünem Schornstein.

die Px48-1923 in Zbąszynek

Neben Schmalspurfahrzeugen und -bahnen traf ich entlang meiner Fahrstrecke außerdem natürlich auf zahlreiche Normalspurfahrzeuge in Form von Personen- und Güterzügen diverser Betreiber sowie Denkmälern. Und auch die Straßenbahnbetriebe in Wrocław (Breslau), Łódź, Olsztyn (2015 eröffnet) und Gorzów Wlpk (Landsberg) fanden meine Aufmerksamkeit.